Wer einen Text ins Chinesische übersetzen lassen möchte, wird oft mit einer Gegenfrage überrascht: Welches Chinesisch soll es denn sein? Für viele klingt das zunächst seltsam. Doch hinter dem Wort Chinesisch verbergen sich mehrere Sprachen, zwei Schriftsysteme und sehr unterschiedliche Märkte von Peking über Hongkong bis Taipeh und Singapur.
Dieser Beitrag erklärt, warum diese Unterscheidung für Unternehmen, Behörden und Privatpersonen so wichtig ist und wie Sie die richtige Wahl treffen.
Eine Sprache oder viele
Was im Deutschen als Chinesisch bezeichnet wird, ist eigentlich eine Gruppe verwandter Sprachen. Die bekanntesten sind Mandarin, Kantonesisch, Wu, Min und Hakka. Sprecher dieser Varietäten verstehen sich gesprochen oft nicht gegenseitig, ähnlich wie ein Portugiese und ein Rumäne. Einen guten Überblick über diese Vielfalt bietet der Artikel zu den chinesischen Sprachen.
Mandarin ist die Amtssprache der Volksrepublik China und Taiwans und wird von den meisten Menschen gesprochen. Kantonesisch dominiert in Hongkong, Macau und in vielen älteren Auslandsgemeinden. Wer mehr über die Unterschiede erfahren möchte, findet im Beitrag über chinesische Dialekte eine anschauliche Einführung mit Beispielen.
Kurzzeichen und Langzeichen
Für geschriebene Texte ist eine andere Frage noch wichtiger, nämlich die Schrift. In der Volksrepublik China und in Singapur werden vereinfachte Schriftzeichen verwendet, die sogenannten Kurzzeichen. In Taiwan, Hongkong und Macau sind die traditionellen Langzeichen üblich.
Ein Text in Kurzzeichen ist für Leser in Taiwan zwar meist verständlich, wirkt aber fremd und manchmal sogar politisch aufgeladen. Wer in Taipeh mit vereinfachten Zeichen wirbt, signalisiert ungewollt, dass er den Markt nicht kennt. Umgekehrt gilt dasselbe für Festlandchina.
Wortschatz und Ausdrucksweise
Selbst wenn alle Beteiligten Mandarin schreiben, unterscheiden sich Begriffe je nach Region. Für Software, Taxi oder Kartoffel gibt es auf dem Festland und in Taiwan unterschiedliche Wörter. Auch Anredeformen, Höflichkeitsfloskeln und Marketingstil weichen voneinander ab. Eine Übersetzung, die für Shanghai perfekt ist, kann in Taipeh steif oder unpassend klingen.
Welche Variante für welchen Zweck
- Produktunterlagen für Festlandchina: Mandarin in Kurzzeichen
- Marketing für Taiwan: Mandarin in Langzeichen mit taiwanischem Wortschatz
- Kommunikation in Hongkong: Langzeichen, bei gesprochenen Inhalten oft Kantonesisch
- Singapur und Malaysia: meist Kurzzeichen, mit lokalen Besonderheiten
- Amtliche Dokumente: nach Vorgabe der Behörde, die das Dokument ausgestellt hat oder entgegennimmt
Besonderheiten bei Urkunden
Wer chinesische Urkunden in Deutschland vorlegen muss, etwa eine Geburtsurkunde, ein Abschlusszeugnis oder einen Notariatsakt, benötigt eine beglaubigte Übersetzung ins Deutsche. Dabei spielen Namen eine große Rolle. Chinesische Namen werden in Pinyin umschrieben, doch im Pass kann eine andere Schreibweise stehen, besonders bei Personen aus Hongkong oder Taiwan. Die Übersetzung muss die Schreibweise aus dem Ausweisdokument übernehmen, damit Behörden die Person eindeutig zuordnen können.
Technische und juristische Texte
Viele deutsche Mittelständler arbeiten mit chinesischen Zulieferern oder Kunden. Bedienungsanleitungen, Sicherheitsdatenblätter, Lieferverträge und Qualitätsvereinbarungen müssen dann in beide Richtungen übersetzt werden. Hier geht es weniger um Stil als um Präzision. Ein falsch übersetzter Grenzwert oder eine unklare Haftungsklausel kann teure Folgen haben.
Ein erfahrener Übersetzer Deutsch Chinesisch kennt die Fachterminologie beider Seiten und weiß, welche Begriffe in chinesischen Normen und Verträgen üblich sind. Für den Markteintritt in China lohnt es sich außerdem, Glossare von Anfang an zu pflegen.
Textlänge und Layout
Chinesische Texte sind optisch deutlich kürzer als deutsche. Ein Satz, der im Deutschen zwei Zeilen füllt, passt im Chinesischen oft in eine halbe. Das klingt praktisch, kann aber Layouts durcheinanderbringen, weil plötzlich große Lücken entstehen. Zudem brauchen chinesische Zeichen eine etwas größere Schrift, um gut lesbar zu sein. Webseiten, Verpackungen und Broschüren sollten deshalb nach der Übersetzung immer noch einmal gestalterisch geprüft werden.
Maschinelle Übersetzung und Chinesisch
Automatische Übersetzungsprogramme liefern bei Chinesisch inzwischen brauchbare Rohfassungen für den internen Gebrauch. Für veröffentlichte Inhalte reichen sie nicht. Sie verwechseln häufig regionale Begriffe, treffen den Ton nicht und haben Schwierigkeiten mit den langen deutschen Komposita. Bei Markennamen und Slogans ist besondere Vorsicht geboten. Ein Name, der auf Deutsch gut klingt, kann im Chinesischen ungewollt eine negative Bedeutung tragen.
Markennamen richtig übertragen
Internationale Marken wählen für China meist einen eigenen chinesischen Namen. Dabei wird nicht übersetzt, sondern kreativ entwickelt: Der Name soll ähnlich klingen, positive Assoziationen wecken und leicht zu schreiben sein. Coca Cola oder BMW sind bekannte Beispiele für gelungene Lösungen. Diese Aufgabe verlangt Sprachgefühl, Marktkenntnis und eine sorgfältige Prüfung, ob der Name bereits markenrechtlich geschützt ist.
Untertitel und Sprachaufnahmen
Bei Videos und Audioinhalten stellt sich die Frage nach der Variante gleich doppelt. Untertitel werden in der Regel in Mandarin mit der passenden Schrift erstellt, weil fast alle Zuschauer in China, Taiwan und Singapur geschriebenes Hochchinesisch lesen können. Für Sprachaufnahmen dagegen ist entscheidend, wer zuhört. Ein Imagefilm für Hongkong wirkt mit kantonesischer Stimme deutlich näher am Publikum als mit Mandarin. Auch Akzent und Sprechtempo sollten zum Zielmarkt passen. Klären Sie diese Punkte, bevor Sprecher gebucht und Aufnahmen produziert werden, denn spätere Änderungen sind teuer.
Checkliste vor der Beauftragung
- Zielmarkt festlegen, also Festland, Taiwan, Hongkong oder Singapur
- Schriftsystem bestimmen, Kurzzeichen oder Langzeichen
- Bei Audio und Video die gesprochene Variante klären
- Vorhandene Glossare und frühere Übersetzungen mitschicken
- Zeit für eine Layoutprüfung einplanen
Wer diese Punkte vorab klärt, bekommt eine Übersetzung, die nicht nur korrekt ist, sondern beim chinesischsprachigen Publikum auch genau so ankommt, wie sie gemeint ist.
